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Bibel und Liturgie
"Was ist der Mensch? Von der Kraft der Frage nach Gott" heißt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Bibel und Liturgie

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Nr. 1/2016
"Was ist der Mensch? Von der Kraft der Frage nach Gott"

Zu diesem Heft

Die Frage nach Gott scheint in einer modernen Welt, die kaum mehr in den traditionellen Begriffen und Sprachspielen kirchlich geprägter Religiosität kommuniziert, in den Abwärtsstrudel von Säkularisierungs- und Entkirchlichungsprozessen geraten zu sein. Vor allem in der kirchlichen Praxis entsteht große Verunsicherung, weil die Seelsorger und Seelsorgerinnen nicht recht wissen, wie sie das Thema ‘Gott’ in die alltagsorientierten Diskurse und Lebenszusammenhänge der Menschen, denen sie begegnen, einbringen sollen. Reicht es beispielsweise nicht vollkommen aus, einen kranken Menschen nach dessen individueller Bedürfnislage zu begleiten? Oder ist es nicht doch die Aufgabe der Pastoral, irgendwann in diesem Prozess anzufangen, ‘Gott’ ins Gespräch zu bringen? An diesem Beispiel tut sich eine grundsätzliche Frage auf: Wie verhalten sich eigentlich die Säkularität menschlicher Lebensweisen und das kirchliche Sprechen von Gott beziehungsweise das theologische Forschen nach Gott zueinander?

Dieses Heft von Bibel und Liturgie rückt die Frage nach Gott in den Mittelpunkt der Pastoral und Pastoraltheologie. Wie stellt man die Gottesfrage in einer säkular geprägten (spät)modernen Gesellschaft, und das so, dass sie allgemeinverständlich bleibt bzw. überhaupt erst verständlich wird? Und welchen ‘Ertrag’ verspricht es in der Pastoral, die Frage nach dem ‘Ganzen’ zu eröffnen? Welche Relevanz hat diese Frage?

Die Beiträge des Heftes dokumentieren eine pastoraltheologische Debatte, die um die Antrittsvorlesung von Johannes Först an der Universität Tilburg (Niederlande) entstanden ist. Praktische Theologen und Theologinnen der Tilburg of Catholic Theology, der Radboud Universiteit Nijmegen und der Universität Luzern schreiben über die Gottesfrage in der Pastoral und Praktischen Theologie. Der Text von Johannes Först eröffnet das Heft. Er führt aus, dass die Frage nach Gott auch unter säkularen Bedingungen gestellt werden kann, weil sie als Frage nach den Menschen ansetzt. Först zeigt auf, dass die Suche nach dem ‘Ganzen’, die theologisch als Gottesfrage rekonstruiert werden kann, eine enorm integrierende und solidarisierende Kraft entfalten kann und auf diesem Wege eine neue Form von Kirchlichkeit ermöglicht.

Hans Schilderman rückt die Frage nach Gott in den Mittelpunkt der empirisch forschenden Pastoraltheologie. Er zeigt auf, dass es zwar keinen direkten und apologetischen Erkenntniszugang der Wissenschaft zu Gott gibt, doch aber einen semiotischen, also einen durch Zeichen vermittelten. Am Beispiel des Kreuzes, das er als „Supercode" des Christentums versteht, plädiert Schilderman für eine Pastoraltheologie, die die Zeichenstruktur der Wirklichkeit wahrnimmt und die entsprechenden Zeichen als Orte der Gotteserfahrung zulässt.

Kees de Groot rekonstruiert die Gottesfrage in den vielfältigen Sinnfragen der modernen Gesellschaft. Tiefgreifende Sinnfragen tun sich nach de Groot in nahezu allen menschlichen Lebensbereichen auf: etwa in Kunst und Kultur, in der Gesundheitssorge, im Freizeitverhalten u.v.m. Um sie wahrnehmen zu können, ist es notwendig, über den Tellerrand theologischer und kirchlicher Institutionen hinauszublicken. Weil Gott nicht exklusiv im institutionellen kirchlichen Binnenbereich festzumachen ist, brauchen Theologie und Pastoral eine viel stärkere Außenorientierung. „Wer die Gottesfrage wiederentdecken will", so de Groot, „muss Lust auf die Welt haben."

Stephanie Klein fragt nach den heute notwendigen Zugängen zur Gottesfrage. Sie unterscheidet einen empirischen und einen mystagogischen Weg. Gemeinsam ist diesen Zugängen, dass sie die Frage nach Gott in der Frage nach dem Menschen festmachen: Nach den Freuden und Hoffnungen, den Sorgen und Ängsten der Menschen zu fragen, so Klein, ist unter den Denkvoraussetzungen einer mystagogischen und empirischen Praktischen Theologie kein Umweg hin zur Gottesfrage. Vielmehr ist die Menschenfrage die Gottesfrage.

Stefan Gärtner beleuchtet den gesellschaftlichen und universitären Kontext der Niederlande, innerhalb dessen die Praktische Theologie die Gottesfrage stellt. Dabei steht die Praktische Theologie, die Gärtner als kontextgebundene Wissenschaft konzipiert, vor einer doppelten Herausforderung. Auf der einen Seite stehen die Entkirchlichungsprozesses der niederländischen Gesellschaft, die mit der Kurzformel „Religion ja – Gott nein" beschrieben werden können. Auf der anderen Seite gerät die Theologie in den Niederlanden zunehmend unter Druck, ihre Wissenschaftlichkeit angesichts der kirchlichen Lehraufsicht zu rechtfertigen.

Toke Elshof stellt einen Weg für die Pastoral vor, der ein traditionelles kirchliches Sprechen in den Mittelpunkt stellt. In Anlehnung an Karl Barths theologischer Kulturkritik geht Elshof davon aus, dass gerade die Distanz der Seelsorge zur vorherrschenden Kultur das widerspenstige und befremdende Potential des Glaubens offen zu legen vermag. Die Gottesfrage, so Elshof, eröffne sich gerade durch dieses Gegenüber von Kirche und Kultur.

In der Rubrik ‘Bausteine’ finden Sie diesmal zwei Beiträge. Rabbiner Edward van Voolen dokumentiert seine Predigt, die er am 9. August 2015, dem Israel-Sonntag in der evangelischen Kirche, im [evangelischen] Berliner Dom im Gottesdienst gehalten hat. Zum besseren Verständnis ist der liturgische Kontext der Predigt ebenfalls dokumentiert.

In der Serie der biblischen Bausteine stellt Uta Poplutz in diesem Jahrgang den Galaterbrief vor, ein theologischer Schlüsseltext des Apostels Paulus.

 

Johannes Först/Heinz Günther-Schöttler

 

 

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Viele Facetten unserer Lebenswelt lassen sich nur durch sie entschlüsseln:
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Kirche und christliche Gemeinde halten diese Kraft der Bibel wach und geben von ihr Zeugnis.
Die Liturgie lässt die weltbildende und lebensgestaltende Kraft der Bibel erleben und setzt sie feiern gegenwärtig.
Im Gottesdienst gewinnt das Leben Gestalt und Ausrichtung, wird die Fülle des Lebens erfahrbar.

Bibel und Liturgie bringt den Reichtum jüdisch-christlicher Überlieferung im Kontext gegenwärtiger Kultur zur Sprache:

  • in theologischen Grundsatzbeiträgen
  • in Essays zur Situation von Kirche und Christentum
  • in Bausteinen für die pastorale Praxis
  • in orientierenden Buchbesprechungen


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