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Visionen von einem Neuanfang
© Hinführungen zum Buch Ezechiel
Christoph Dohmen

„Nichts ist jetzt so, wie es einmal war.“ Mit diesen oder ähnlichen Worten wird gerne die Bedeutung großer Ereignisse charakterisiert, die zu Umbrüchen führen. Auf den Propheten Ezechiel trifft das in besonderer Weise zu. Als außergewöhnlicher Visionär nimmt er Ende und Neuanfang in den Blick. Dabei benutzt er bekannte Vorstellungen und Bilder, die er aber neu und anders füllt. Im Blick auf die Zukunft reflektiert Ezechiel Israels Geschichte. Für das Verständnis des Ezechiel-Buches ist wichtig, die Einzeltexte des Propheten immer im Horizont des Ganzen zu lesen. Das will dieses Buch versuchen, um so in ein selten beachtetes Prophetenbuch einzuführen. Das Buch Ezechiel kann auch uns heute helfen, von Gottes Nähe und einer Zukunft mit Gott zu sprechen, gerade dann, wenn Vieles uns fraglich erscheint oder Traditionelles schon weggebrochen ist: Nichts wird so werden, wie es war, denn alles wird neu!

Dieses Buch enthält kurze Auslegungen der zentralen Texte des Buches Ezechiel und ermöglicht einen verständlichen Zugang zu diesen.

Dieses Buch wurde aus überarbeiteten Beiträgen von Prof. Christoph Dohmen zum Buch Ezechiel zusammengestellt, die im Jahr 2009 in der Zeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART erschienen sind.

116 Seiten | Paperback | 21 x 14,5 cm | Verlag Österreichisches Katholisches Bibelwerk | € 9,90

Buchrezension - Wilhelm Bruners

Christoph Dohmen, kath. Alttestamentler in Regensburg, rückt einen (christlich) wenig beachteten Propheten in den Blick: Ezechiel.
Das Katholische Bibelwerk Österreichs legt Beiträge des Verfassers, die er in der Zeitschrift CHRIST IN DER GEGENWART, 2009, veröffentlicht hat, nun in überarbeiteter Form in einem Buch vor.
Eine Entdeckung für alle, die diesen klassischen Propheten kaum kennen.


Dohmen durchschreitet und ermisst auf einem eigenständigen Weg die Bild-Räume des Priesterpropheten und zeigt die Dynamik einer durchlittenen Exilstheologie: so etwa in größeren Visionsblöcken, die über  das ganze prophetische Werk verteilt sind. Es ist ein eigener Gang, zu dem Dohmen einlädt. Er folgt dabei nicht den einzelnen Kapiteln des prophetischen Buches. Er re-konstruiert es noch einmal in seinem inneren Bildaufbau, den er beim Gang durch das Buch entdeckt.
Fünf große Themen bringt er, soweit ich sehe, dabei in einen Zusammenhang.

Den Anfang bildet der Prophet selbst. Er ist u.a. Priester, Wächter, Mahner, „Menschensohn“. Er steht für ein dynamisches Gottesbild - das zweite Thema. Diese Bewegung im Gottesbild ist erstaunlich, weil priesterliche Kreise oft das immer Gültige repräsentieren und eher rückwärtsgewandt auf unaufgebbare Werte – oder was sie dafür halten - pochen. Oft stehen charismatische Propheten in Auseinandersetzung mit der Priesterschaft. Als Angehöriger der Jerusalemer Oberschicht hat Ezechiel offensichtlich den Gang ins Exil nach Babylon überlebt. Jerusalem aber bleibt Ort seiner Bilderwelt. Eine Spannung zwischen Exil und Heimat entsteht, die das ganze theologische Denken seiner Schrift durchzieht, auch wenn der Adressat seiner Botschaft die mit ihm im Exil lebende Gemeinschaft ist. „Wie so oft im Buch Ezechiel oszillieren die Reden zwischen Jerusalem und dem Exil“(81).

Im Aufbau folgen, als drittes Thema, Kapitel über das Heiligtum „vom Standpunkt Gottes aus“ (48). Topographie erweist sich hier als Theologie, denn auf den Standort kommt es an: Es ist nicht der Tempel, es ist der Berg östlich der Stadt, der Ölberg, auf dem sich die Gottesgegenwart niedergelassen hat. Dieser Berg bildet eine Grenze zwischen Wüste im Osten und Kulturland im Westen der Stadt: „An der Grenze zwischen Wüste und Stadt leuchtet im Dunkel des Gerichts das Licht der Exodus-Erinnerung auf“ (49).

Dieser Standort schließt Kultkritik ein. Israel lernt im Exil, seine Identität über das Wort Gottes, die Thora, zu definieren. So setzt bei Ezechiel, dem Priester, schon früh die Relativierung des Tempels an, die über eine einfache Kultkritik hinausgeht. Dohmen bleibt auf dieser Spur und legt in Folge Kapitel aus dem vierten Visionsblock, der „neuen Stadt Gottes“ aus (vgl. auch die Auslegung der Kirchenväter zu den Bildern, auf die Dohmen hinweist, 51).  

Es geht um eine dynamische „Theologie der Architektur“ des Heiligtums, die durch das Bild des Wassers betont ist, durch das sich alles Statische des Tempels aufzulösen scheint, „um sich auszubreiten“ (61).

Damit naht sich Dohmen dem vierten Teil der Bildwelt des Propheten, der wechselvollen Geschichte des Gottesvolkes. Der Prophet „belagert“ die Stadt geradezu mit seinen Symbolhandlungen und dem Wort in z.T. „derben Bildern“ (96): Liegen auf der Seite, Bindung des Propheten, Schneiden der Haare… Der Prophet hat die Schuld seines Volkes zu tragen – eine stellvertretende Existenz. Ein vernichtendes Gericht über Israel ist die Folge – nicht ganz ohne Hoffnungsperspektive, wie Dohmen immer wieder betont (77). Der Blick auf den „Rest“ des Volkes, der unter allen Völkern existiert, ist notwendig, „damit an ihm sichtbar wird, was Gott in der Erwählung Israels begonnen hatte“: den neuen Anfang (79). Dazu ist es notwendig, Erstarrtes aufzubrechen. So wird die Schicksalsgemeinschaft Israels, die als Ganze „im Bund mit dem einen Gott steht und von ihm zur Verantwortung gezogen wird“ (83), im persönlichen Schicksal des Propheten und in seinen Aktionen sichtbar.

Gerade in seiner Bildsprache (Weinstock, verrosteter Topf, Adler, Zeder…), in seiner Gerichts- und Zuwendungssprache gibt der Text auch immer wieder Rätsel auf. Dennoch hält Dohmen dafür, dass die rettende Nähe Gottes das ganze Buch wie einen roten Faden durchzieht: Grundlose Rettung des Einzelnen, wie auch des ganzen Volkes.

Der Gedanke der Rettung gipfelt schließlich, im fünften Themenkreis, im Bild des „guten Hirten“ und Friedensbundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat: Gott in seiner „einzigartigen Unmittelbarkeit“ inmitten seines Volkes – wie in den Jahren der Wüste. Der Neue Bund ist der Alte Bund, wie Dohmen Christen ins Stammbuch schreibt. Es ist der ewige „Friedensbund Gottes“ mit seinem Volk bei gleichzeitiger Untreue der Menschen. In diesen Bund sind auch die Völker mit hineingerufen – bei bleibender Erwählung Israels.   

Das Buch ist für einen bibelinteressierten Leserkreis gedacht, eignet sich sehr gut zur Vorbereitung von Bibelkreisen und biblischen Besinnungstagen, ist verständlich geschrieben und vermittelt die theologische Bildsprache des Propheten in übersichtlicher Weise - bei der Fülle der prophetischen Bilder nicht selbstverständlich. Dass Dohmen das biblische Land und seine Topographie aus eigener Anschauung kennt, zeigt sich immer wieder und bestätigt, dass heute die Kenntnis der Topographie für die Auslegung biblischer Texte eine wichtige Voraussetzung ist.

Wilhelm Bruners

Buchrezension - Dieter Bauer

Das Buch Ezechiel ist eine der unzugänglichsten und gleichzeitig faszinierendsten Prophetenschriften des Alten Testaments. Auf der einen Seite hat es fast biographische Züge, durch welche die Leserinnen und Leser mit hineingenommen werden in eine politisch und religiös höchst brisante Auseinandersetzung. Auf der anderen Seite wird man das Gefühl nicht los, es mit einem schwer kranken und gestörten Menschen zu tun zu haben, den wir nur durch seine Wahnvorstellungen kennen lernen.


Christoph Dohmen, Alttestamentler In Regensburg, hat die wichtigsten Texte des Ezechielbuches in einer Reihe für die Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“ kommentiert, und dem Österreichischen Katholischen Bibelwerk ist es zu verdanken, dass diese Kommentierung nun auch einer breiteren interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.


So ist ein kleiner und gut lesbarer Ezechielkommentar entstanden, der die besprochenen Texte jeweils zusätzlich aus der Einheitsübersetzung abdruckt. Für den Autor ist es wichtig, diese Einzeltexte jeweils im Kontext des Ganzen zu lesen, weil das Ezechielbuch ein gut durchkomponiertes Buch ist. Er wählt dafür eine Methode, die es den Leserinnen und Lesern auf den ersten Blick nicht gerade einfach macht: Er gibt selbst die Reihenfolge vor, in der die Texte betrachtet werden, geht also nicht von Vers 1,1 konsequent bis zum letzten Kapitel des Buches, sondern „springt“ relativ assoziativ durch das Buch. So sieht es jedenfalls aus. Als Leserin oder Leser muss man sich also erst einmal auf ein solches Verfahren einlassen.


Wenn man sich dieser Methode des Autors aber erst einmal anvertraut hat, spürt man, dass man in ihm einen sachkundigen Führer durch dieses Buch gefunden hat. Aus seiner Kenntnis des Buches wählt er die Themen, die er nach und nach abhandelt: die Person des Propheten, die Geschichte Israels, die Visionen, die Zeichenhandlungen, u.s.w.
Wofür sich das Büchlein – auf Grund der gewählten Methode – nicht eignet, ist das, wofür Kommentare (z. B. in der Predigtvorbereitung) sonst gerne genützt werden: als Nachschlagewerk. Es gibt nämlich kein Register, ja nicht einmal ein Stellenverzeichnis. Aber auch das hat Methode: So wird man quasi „gezwungen“, das Büchlein am Stück zu lesen – das ist bei etwas mehr als 100 Seiten gut machbar – und so die verschiedenen Themen des Ezechielbuches nach und nach kennenzulernen. So wird auch verhindert, dass jemand vielleicht nur eine Kommentierung zu einem konkreten Text nachschlägt und meint, nun alles erfahren zu haben, was der Autor dazu zu sagen hat. Das hätte er nämlich nicht, denn die gesamte Kommentierung ist – wie der Ezechieltext selbst – ein dichtes Gewebe von Verweisen.


Wer das Ezechielbuch tatsächlich einmal näher kennenlernen will, aber nicht gleich einen dicken wissenschaftlichen Kommentar wälzen möchte, erhält hier einen guten Vorgeschmack auf das Buch. Und wenn der Aperitiv gemundet hat, kann man ja immer noch zum Hauptgang übergehen …

Dieter Bauer

(red)


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