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Es ist eines der zentralen und prägenden Ereignisse in der Geschichte Israels: Am Sinai, im Angesicht Gottes und besiegelt durch die erneute Verheißung des Bundes, erhält Mose aus dem Mund Jahwes das Zehnwort, die göttliche Weisung. Doch wer erwartet, dass nach diesem phänomenalen Gipfelerlebnis auf dem Berg der weitere Weg Israels sich auf der Hochebene bleibender Euphorie fortsetzen wird, bei der sich Gottes Volk mit einem Schlag in einer neuen, besseren Welt wiederfinden würde, wird enttäuscht: Der Offenbarung auf dem Gipfel folgt der ernüchternde Abstieg in die Niederungen des Alltags, dem Highlight auf dem Berg schließt sich der Tiefpunkt im Tal an, symbolisiert im Konflikt um das Goldene Kalb und seinen Folgen. Und doch – am Ende findet Israel in das Gelobte Land. Aber trotz des außergewöhnlichen Sinaiereignisses ist dieser Weg nach Kanaan kein gerader Weg, sondern ein Weg voller Windungen, Hindernisse und Herausforderungen. Offenbarungen wollen erarbeitet werden. Offenbarungen wollen aufgenommen, weitergedacht und in konkretes Handeln umgesetzt werden. Dies ist nicht immer leicht und bringt auch Rückschläge und Konflikte mit sich. Offenbarungen haben ihren konkreten Anlass und ihre konkrete Zeit. Und doch übersteigen sie ihr konkretes Damals und beeinflussen spätere Zeiten immer wieder neu und oft unerwartet. Offenbarungen lassen nicht einfach die Wüste zum Gelobten Land werden; aber sie sind Wegmarken, die den Weg dorthin weisen können. Das Zweite Vatikanische Konzil mit dem Sinaiereignis zu vergleichen, mag übertrieben sein und ist hier auch gar nicht beabsichtigt. Ein Vergleichspunkt liegt jedoch nahe: Auch für das Konzil gilt, dass es eines der prägenden und zentralen Ereignisse im Leben der Kirche ist. Und auch für seine Visionen und Errungenschaften gilt: Sie entfalten ihr veränderndes Potential nicht mit einem Schlag, sondern sie wollen erarbeitet und umgesetzt werden. Auch und gerade in den Niederungen der kirchlichen Realität, nach dem „Gipfelsturm“ in Rom. Ein Dokument dieses Konzils, das lange Zeit ein Schattendasein führte, ist die Offenbarungskonstitution Dei Verbum. Es ist sicherlich keine Übertreibung, wenn man Dei Verbum als einen Meilenstein auf dem Weg des pilgernden Gottesvolkes vom 20. ins 21. Jahrhundert betrachtet. Meilensteine bieten Orientierung über den derzeitigen Standort, zugleich aber wollen sie Wegweiser für den Weg sein, der noch voraus liegt. Der folgende Beitrag will vor allem ersteres sein: Standortbestimmung. Er bietet zunächst einen knappen Überblick über Entstehung und einige zentrale Inhalte der „Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung“, so der offizielle Titel dieses Dokumentes, das meist nach seinen Anfangsworten als Dei Verbum zitiert wird. In einem zweiten Abschnitt werden einige wichtige Entwicklungen und Ergebnisse herausgegriffen, die in der Folgezeit von Dei Verbum inspiriert und beeinflusst wurden. Ein kurzer Blick auf das, was noch vorausliegt, bildet den Abschluss. |
1. "Hoc schema mihi non placet": Über die Entstehung von Dei Verbum
Es gehört zu den bleibenden Errungenschaften des Zweiten Vatikanums, dass es entscheidend dazu beitrug, die zentrale Bedeutung der Heiligen Schrift für das Leben der Kirche und aller Gläubigen wiederzuentdecken. Die Notwendigkeit und Bedeutung einer biblischen Fundierung und Durchdringung der kirchlichen Pastoral kommt an vielen Stellen innerhalb der insgesamt 16 offiziellen Dokumente des Konzils zum Ausdruck. Die wichtigsten Ausführungen zu diesem Thema finden sich in Dei Verbum, und dort besonders in Kapitel VI, wo die Heilige Schrift als "Seele der Theologie" (DV 24) bezeichnet wird.
Wie die Bibel so fallen auch Konzilstexte nicht "vom Himmel"; vielmehr geht ihnen ein mehr oder weniger langer und komplizierter Entstehungsprozess voraus. Im Falle von Dei Verbum lässt sich feststellen, dass dieser Entstehungsprozess besonders lang, besonders kompliziert und auch besonders umstritten gewesen ist. Ein paar Schlaglichter sollen dies illustrieren.
1.1 Schriftauslegung in der katholischen Kirche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Das Verhältnis der Kirche bzw. des Lehramtes zur Heiligen Schrift und insbesondere zur Frage ihrer wissenschaftlichen Auslegung ist nicht immer einfach und spannungsfrei gewesen. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sorgte vor allem die zunehmende Bedeutung historisch orientierter Fragestellungen bei der Interpretation biblischer Texte im katholischen Bereich bisweilen für Unsicherheit und Unbehagen, was auf Seiten des Lehramtes auch zu restriktiven Gegenreaktionen führen konnte.
Doch es gab auch Lichtblicke und positive Entwicklungen. Eines der deutlichsten Zeichen dafür war die von Papst Pius XII. am 30. September 1943 erlassene Enzyklika Divino afflante Spiritu "über die zeitgemäße Förderung der biblischen Studien". Sie verpflichtete die katholische Bibelwissenschaft auf die historisch-kritische Forschung. Trotz aller Zeitbedingtheit dieses Textes und mancher Rückschritte, die in den Jahren danach wieder zu verzeichnen waren, kann die Bedeutung von Divinu afflante Spiritu nicht hoch genug eingeschätzt werden. Dank ihres "revolutionären Potentials" erfährt die Bibel in der Folgezeit nicht nur unter katholischen Bibelwissenschaftlern, sondern auch in der kirchlichen Pastoral wachsende Aufmerksamkeit.
Trotz aller Aufbruchsstimmung wurde jedoch auch weiterhin um Fragen des Bibelverständnisses gerungen. Gerade in der Phase zwischen der Ankündigung des Konzils durch Papst Johannes XXIII. im Januar 1959 und dessen Beginn am 11. Oktober 1962 wurden die Diskussionen besonders intensiv geführt.
Kurz vor Beginn des Konzils veröffentlichte 1961 das Heilige Offizium (dessen Name 1965 in "Kongregation für die Glaubenslehre" geändert wurde) mit Billigung der Päpstlichen Bibelkommission ein Monitum mit dem Titel De germana veritate historica et obiectiva S. Scripturae ("Über die wirkliche, historische und objektive Wahrheit der Heiligen Schrift"). Dieses nur eine knappe Seite umfassende Dokument stellte den Versuch dar, die sich im katholischen Bereich seit Jahren abzeichnende Öffnung hin zu historischen Fragestellungen rückgängig zu machen, zumindest aber einzuschränken. Trotz einiger positiven Bemerkungen zum wiedererwachenden Interesse an der Bibel im katholischen Bereich warnt dieses Dokument besonders vor den negativen Folgen einer allzu historisch orientierten Herangehensweise an Leben und Wirken Jesu. Dies könne bei den Gläubigen zu Verwirrung und Glaubenszweifeln führen. Obwohl es sich lediglich um ein kurzes und sehr allgemein gehaltenes Dokument handelte, wurde der Text mehr als Rückschritt denn als Fortschritt interpretiert. Weitere Ereignisse jener Zeit - so u.a. der (nach dem Konzil wieder aufgehobene) Entzug der Lehrerlaubnis für zwei Professoren des Päpstlichen Bibelinstituts - verstärkten diesen Eindruck.
Noch während des Konzils, zwischen der dritten und vierten Tagungsperiode, erscheint am 21. April 1964 eine Instruktion der Päpstlichen Bibelkommission mit dem Titel De historica evangeliorum veritate ("Über die historische Wahrheit der Evangelien"). Im Gegensatz zum Monitum von 1961 betont dieses Dokument den Wert und den Nutzen historisch-kritischer Zugangsweisen zu biblischen Texten. Im Rückgriff auf Divino afflante Spiritu wird katholischen Bibelwissenschaftlern ausdrücklich zugestanden, sich solcher Methoden zu bedienen. Darüber hinaus wird ein dreistufiges Modell der Entstehung der Evangelien entworfen, in dem zwischen der Zeit des irdischen Jesus, der Zeit der nachösterlichen Gemeinde und der Zeit der schriftlichen Fixierung in den Evangelien unterschieden wird. Daneben finden sich auch zurückhaltendere und vorsichtigere Textpassagen, in denen vor einer kritiklosen und uneingeschränkten Benutzung der historischen Methoden gewarnt wird. Unter dem Strich überwiegen jedoch die positiven Aussagen dieser Instruktion, weshalb sie wohl doch als deutliche und dezidierte Wortmeldung im sich bereits mehr als ein Jahr hinziehenden Streit um die Offenbarungskonstitution des Konzils zu verstehen ist.
Soweit ein kurzer Blick auf solche Ereignisse aus dem Vorfeld des Konzils, die sich in erster Linie um die Frage nach der Berechtigung bzw. den Gefahren einer historisch orientierten Bibelauslegung drehten. Aber auch weitere wichtige Entwicklungen auf dem Gebiet von Bibelarbeit und Pastoral, die vor und während des Konzils ebenfalls prägenden Einfluss auf die Entstehung von Dei Verbum hatten, sind hier zu nennen: So u.a. das Entstehen der biblisch-liturgischen Bewegung mit ihrer Wiederentdeckung der Bibel, die Gründung von Bibelwerken auf katholischer Seite (z.B. des deutschen Bibelwerkes 1933) und der wachsende Austausch zwischen katholischen und protestantischen Exegeten.
1.2 Die Auseinandersetzungen um die inhaltliche Ausrichtung von Dei Verbum
Am 18. November 1965 verabschiedete das Konzil die "Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung", Dei Verbum. Die Gattungsbezeichnung "Dogmatische Konstitution" spiegelt die Bedeutung wieder, welche diesem Text zugeschrieben wird. Er definiert zwar keine Dogmen, stellt aber trotzdem Aussagen des höchsten Lehramtes der katholischen Kirche dar.
Dei Verbum ist der vielleicht am heftigsten diskutierte Konzilstext und besitzt als solcher eine spannende und komplexe Vorgeschichte, die an dieser Stelle nur in groben Zügen skizziert werden kann. In der Vorbereitungskommission gelang es traditionell ausgerichteten Kreisen, einen sehr konservativ ausgerichteten Entwurf vorzulegen, der das Ziel verfolgte, das "Rad der Geschichte" zurückzudrehen. Sehr rasch zeigte sich jedoch, dass die Mehrzahl der Konzilsväter diesem Entwurf ablehnend gegenüber stand. Als er am 14. November 1962 in einer durch hitzige Debatten geprägten Sitzung erstmals zur Diskussion gestellt wird, stößt er auf heftige Kritik. Kardinal Liénart von Lille brachte mit seinem (seitdem viel zitierten Urteil) die Meinung vieler Konzilsväter zum Ausdruck: Hoc schema mihi non placet. ("Dieser Entwurf gefällt mir nicht.").
Trotz aller Kritik scheitert eine völlige Zurückweisung des Entwurfes. Um aber eine noch heftigere Debatte zu vermeiden, entschließt sich Johannes XXIII. in der Nacht, das Schema von sich aus zurückzuziehen. Der Papst setzt eine neue Koordinierungskommission ein, die paritätisch mit Vertretern des "konservativen wie des "fortschrittlichen" Flügels besetzt ist und einen neuen Entwurf erarbeiten soll. Einer ihrer beiden Vorsitzenden wird Kardinal Augustin Bea, der in den 30er Jahren Rektor des Päpstlichen Bibelinstituts gewesen war und in dieser Zeit maßgeblich zur Entwicklung eines positiven Verhältnisses der Kirche zu historisch orientierten Zugangsweisen der Bibelinterpretation beigetragen hatte. Es sollte jedoch schließlich drei volle Jahre, bis zur letzten Sitzungsperiode des Konzils, dauern, bis die Offenbarungskonstitution endgültig zur Abstimmung gestellt werden konnte. Nach langwierigen Vorarbeiten, die beiden Seiten Kompromisse abverlangten, wurde der Text schließlich am 18. November 1965 mit 2.344 Ja- und nur sechs Nein-Stimmen angenommen und noch am selben Tag feierlich verkündet.
Angesichts dieser Vorgeschichte verwundert es nicht, dass sich Dei Verbum bisweilen als ein typischer Kompromisstext zu erkennen gibt. Die an manchen Stellen anzutreffenden "Un-Eindeutigkeiten" im Text - die sich umgekehrt auch als "Offenheit" charakterisieren ließen - betreffen zu einem großen Teil solche Passagen, in denen es um dogmatische Fragen geht, wie z.B. das Offenbarungsverständnis, das Verhältnis von Schrift und Tradition oder von Schrift und Lehramt. Unbestritten positiv und eindeutig sind dagegen jene Äußerungen, die Dei Verbum über die Bedeutung der Heiligen Schrift für das Leben der Kirche und über die Bedeutung einer zeitgemäßen Bibelinterpretation macht.
2. "Magna Charta": Zentrale Themen von Dei Verbum
Drei zentrale Themen der Offenbarungskonstitution, die besonders für den Bereich der Bibelinterpretation und Bibelpastoral wichtig sind, sollen kurz näher betrachtet werden.
2.1 Bibelwissenschaft
Für die Bestimmung des Verhältnisses von Bibelwissenschaft und kirchlichem Lehramt und für die Frage nach Sinn und Bedeutung einer an historischen Fragestellungen orientierten wissenschaftlichen Bibelauslegung sind vor allem die Artikel 11 bis 13 (Kapitel III) von Bedeutung.
Erstmals finden sich hier die Grundsätze der historischen Kritik relativ klar in einem Konzilsdokument wieder, mehr noch: Sie werden explizit bestätigt und für notwendig erachtet. Die Geschichtlichkeit der Offenbarung und ihre menschliche Form der Weitergabe wird betont, ebenso die wichtige Rolle, die den Exegeten für die Urteilsfindung des Lehramtes zukommt. Es wundert deshalb nicht, dass in der Folgezeit für viele katholische Bibelwissenschaftler gerade Dei Verbum Artikel 12 so etwas wie die "Magna Charta" für ihre exegetische Arbeit darstellte.
Die Tatsache, dass sich katholische Bibelwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler auf dem weiten Feld der Bibelinterpretation inzwischen ungehindert und unter Anwendung aller ernstzunehmenden Hilfsmittel und Methoden bewegen können und dass sie dies mit Selbstbewusstsein tun, verdankt sich nicht zuletzt dem Zweiten Vatikanischen Konzil und Dei Verbum.
Die historisch-kritische Methode, zur Zeit des Konzils noch das Sturmzentrum der Auseinandersetzungen um Aufgabe und Ziel katholischer Bibelauslegung, hat sich weiterentwickelt, und ihre Schwachstellen und Grenzen sind längst erkannt worden. Dennoch: Dass biblische Texte ihre Geschichte haben, dass sie in einem konkreten geschichtlichen und religiösen Kontext entstanden sind und dass die Kenntnis dieses Kontextes auch für das heutige Verständnis dieser Texte und ihre Interpretation in der Kirche von Bedeutung sind - diese zentralen Prinzipien der Bibelinterpretation unwiderruflich im Bewusstsein der Kirche verankert zu haben, ist ein wesentliches Verdienst von Dei Verbum. Längst nicht mehr wird die Bibelwissenschaft von den "klassischen" historisch-kritischen Fragestellungen dominiert (wie dies für die Aufbruchsjahre nach dem Konzil nicht selten zu beobachten war). In der Zwischenzeit wurde das exegetische Methodenrepertoire erheblich erweitert und verfeinert, wurden (und werden) neue Zugänge zur Bibel entdeckt und ausgebaut. Dazu gehören neben anderen auch leserorientierte oder so genannte kanonische Zugänge.
So zeigt sich, dass Dei Verbum wichtige Anstöße für die weitere Entfaltung einer wissenschaftlich fundierten Bibelauslegung lieferte. Ehrlicherweise sollte jedoch auch erwähnt werden, dass die Umsetzung der Leitlinien und Ziele der Konstitution sich in der Folgezeit keinesfalls als leicht gestaltete. Zentrale Eckpfeiler des Verhältnisses von Heiliger Schrift, kirchlichem Lehramt und wissenschaftlicher Exegese wurden durch Dei Verbum eingezogen, die konkrete Ausgestaltung des dadurch geschaffenen Raumes ist jedoch ein Prozess, der vielgestaltig und weiterhin in vollem Gange ist.
2.2 Bibelpastoral
Auch für das Gebiet der Bibelpastoral lieferte (und liefert) Dei Verbum weitreichende Impulse. Diesbezüglich sind vor allem die Artikel 21 bis 26 (Kapitel VI) zu nennen.
Artikel 21 lautet:
Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlass das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht. In ihnen zusammen mit der Heiligen Überlieferung sah sie immer und sieht sie die höchste Richtschnur ihres Glaubens, weil sie, von Gott eingegeben und ein Für alle Male niedergeschrieben, das Wort Gottes selbst unwandelbar vermitteln und in den Worten der Propheten und der Apostel die Stimme des Heiligen Geistes vernehmen lassen. Wie die christliche Religion selbst, so muss auch jede kirchliche Verkündigung sich von der Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientieren. In den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf. Und solche Gewalt und Kraft west im Worte Gottes, dass es für die Kirche Halt und Leben, für die Kinder der Kirche Glaubensstärke, Seelenspeise und reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens ist. Darum gelten von der Heiligen Schrift in besonderer Weise die Worte: "Lebendig ist Gottes Rede und wirksam" (Hebr 4,12), "mächtig aufzubauen und das Erbe auszuteilen unter allen Geheiligten" (Apg 20,32; vgl. 1 Thess 2,13).
Dieser erste Abschnitt bildet zusammen mit dem letzten Abschnitt (Artikel 26) den Rahmen des ganzen Kapitels. In beiden wird die Verehrung des Wortes Gottes bzw. der Schrift mit der Verehrung der Eucharistie parallel gesetzt. Beide, der Tisch des Wortes und der Tisch des Brotes, sollen für alle Gläubigen zugänglich sein. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Aussage, die Heilige Schrift solle "höchste Richtschnur" des Glaubens, also Basis christlicher Verkündigung sein. Dementsprechend zentral ist auch die Rolle, die regelmäßiges Bibelstudium in der Ausbildung und im Leben der Kleriker und aller Gläubigen spielen sollte. Denn, wie es in Artikel 25 mit den Worten des Hieronymus heißt: "Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen."
Weiter heißt es in Abschnitt 22:
Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offen stehen (christfidelibus aditus ad Sanctam Scripturam late pateat opportet). ... Da aber das Wort Gottes allen Zeiten zur Verfügung stehen muss, bemüht sich die Kirche in mütterlicher Sorge, dass brauchbare und genaue Übersetzungen in die verschiedenen Sprachen erarbeitet werden, mit Vorrang aus dem Urtext der Heiligen Bücher.
Hier findet sich eine gelungene Formulierung (deren englische Übersetzung noch prägnanter klingt: "Easy access to Sacred Scripture should be provided for all the Christian faithful"). Sie umschreibt die Notwendigkeit und den Charakter jeglichen bibelpastoralen Handelns. "Der Zugang zur Schrift muss weit offen stehen ..." - dies meint zum einen den Einsatz für das Übersetzen und die Verbreitung der Bibel. Die Bibel den Menschen in die Hand zu geben, ist das eine; zugleich sollen ihnen Hilfen an die Hand gegeben werden, die ihnen einen lebensbezogenen Dialog mit Gottes Wort ermöglichen. Dies kommt in Artikel 25 zum Ausdruck, wo es heißt:
Die kirchlichen Vorsteher ... sollen die ihnen anvertrauten Gläubigen zum rechten Gebrauch der Heiligen Bücher, namentlich des Neuen Testamentes und in erster Linie der Evangelien, in geeigneter Weise anleiten durch Übersetzungen der heiligen Texte, die mit den notwendigen und wirklich ausreichenden Erklärungen versehen sind, damit die Kinder der Kirche sicher und mit Nutzen mit den Heiligen Schriften umgehen und von ihrem Geist durchdrungen werden. Darüber hinaus sollen mit entsprechenden Anmerkungen versehene Ausgaben der Heiligen Schrift geschaffen werden, die auch Nichtchristen gebrauchen können und die ihren Verhältnissen angepasst sind. Die Seelsorger und die Christen jeden Standes sollen auf jede Weise klug für ihre Verbreitung sorgen.
Auch für alle diejenigen, die in den verschiedensten Bereichen der Bibelpastoral tätig sind, stellt Dei Verbum (und dabei besonders Artikel 22) also die "Magna Charta" ihrer Arbeit dar. Ziel ist es, das Bewusstsein für die zentrale Rolle der Schrift im kirchlichen wie im persönlichen Leben zu erweitern und alle Gläubigen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Bibel anzuleiten.
Etliche weitere Themen, für die Dei Verbum wichtige Anstöße lieferte, ließen sich an dieser Stelle anführen. Dazu gehört die Frage nach der Bedeutung der Bibel für die Liturgie und für die Ausbildung der Kleriker ebenso wie die zentrale Erkenntnis der Zusammengehörigkeit von Altem und Neuem Testament. Auch die Notwendigkeit interkonfessioneller Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Bibelübersetzung ist hier zu nennen: Dei Verbum erteilt katholischen Christen explizit den Auftrag, in Zusammenarbeit mit den Christen anderer Konfessionen gemeinsame Bibelübersetzungen zu erarbeiten (vgl. Artikel 22: "Wenn die Übersetzungen bei sich bietender Gelegenheit und mit Zustimmung der kirchlichen Autorität in Zusammenarbeit auch mit den getrennten Brüdern Zustande kommen, dann können sie von allen Christen benutzt werden."). Aus dieser Aufgabe resultiert eine jahrzehntelange vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Institutionen und Organisationen anderer Kirchen und kirchlicher Gemeinschaften.
Wie kann heute eine Bestandsaufnahme der beinahe vierzig Jahre Rezeptionsgeschichte dieses Konzilstextes aussehen? Auch hier seien, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, drei Punkte herausgegriffen.
1. Das Erwachen der Bibelpastoral
Im Laufe der Jahre nach der Promulgation von Dei Verbum entwickelte sich eine Vielzahl neuer Zugänge zur Bibel. Die katholische Bibelproduktion explodierte förmlich, zu den bereits bestehenden Übersetzungen kamen und kommen unzählige neue hinzu, oftmals in Zusammenarbeit mit Christen anderer Konfessionen. Pastoral orientierte Kommentare zur Bibel werden verfasst, Materialien und Hilfsmittel für die Bibelpastoral, wie z.B. biblische Fernkurse, und weitere Aktivitäten auf grass-roots-Ebene initiiert. Neue Zugänge zur Bibel, wie beispielsweise Bibliodrama, werden entwickelt, altbewährte, wie Lectio Divina, neu belebt. Die Ausbildung von Klerikern und Katecheten wird im Lichte der seit Dei Verbum wiederentdeckten zentralen Rolle der Schrift überdacht und gestaltet. Auch die Vorteile und Chancen "neuerer" Medien und Kommunikationsmittel wie Computer, Internet und E-Mail, werden zunehmend für die Bibelpastoral nutzbar gemacht. Kurzum: In vielen Regionen der Erde erlebt die Bibelpastoral einen Aufschwung und ist eine zunehmende "biblische Durchdringung" der kirchlichen Pastoral zu erleben.
2. Die Katholische Bibelföderation
Es ist keineswegs übertrieben, die Katholische Bibelföderation als ein "Kind" des Zweiten Vatikanischen Konzils zu bezeichnen, wurde sie doch ins Leben gerufen, um das Bewusstsein für die zentrale Bedeutung der Bibel im Leben der Kirche dauerhaft zu fördern. Dei Verbum ist deshalb der Leittext der Föderation, und Kapitel VI dieser Konstitution ihr eigentliches Motto und Leitmotiv ihrer Arbeit.
Die Gründung einer derartigen Organisation zur Unterstützung des katholischen Bibelapostolates war bereits 1950 von dem österreichischen Kanoniker Pius Parsch, einem der Protagonisten der biblisch-liturgischen Erneuerungsbewegung, angeregt worden. Am 6. Oktober 1964, während der dritten Sitzungsperiode des Konzils, wurde die Idee einer solchen Einrichtung erneut von Bischof Emile Cekada aus Skopje ins Spiel gebracht. Konkrete Gestalt begann dieser Gedanke dann durch die Initiative von Kardinal Bea anzunehmen. Er lud 1968 die Leiter damals bereits existierender katholischer bibelpastoraler Einrichtungen und Institutionen zu Beratungen nach Rom ein. Schließlich wurde am 16. April 1969 die Föderation ins Leben gerufen, auch mit Unterstützung von Kardinal Willebrands, dem Nachfolger von Kardinal Bea als Vorsitzender des Päpstlichen Einheitssekretariates.
Bis heute ist die KBF dem Einheitsrat (der inzwischen den Namen "Päpstlicher Rat zur Förderung der Einheit der Christen" trägt) affiliiert und längst die Institution innerhalb der katholischen Kirche für die Bibelpastoral. Zunächst als Katholische Weltbibelföderation bezeichnet (World Catholic Federation for the Biblical Apostolate, WCFBA) wurde ihr Name 1990 vereinfacht und lautet seitdem Katholische Bibelföderation (KBF).
Derzeit ist die KBF mit 311 Mitgliedern in 127 Ländern vertreten. Unzählige Frauen und Männer engagieren sich auf die unterschiedlichste Art und Weise in der Bibelarbeit: Als Priester, Ordensleute, Katecheten, Laien leisten sie Evangelisierungsarbeit in den verschiedensten Kontexten und Kulturen. Indem sie die Bibel in lokale Sprachen übersetzen, in denen es noch keine Übersetzung gibt; indem sie Frauen und Männer, Katecheten, Lehrer, Laienmitarbeiter oder künftige Priester ausbilden; indem sie die biblischen Schriften erforschen und bibelpastorale Materialien für Gemeindearbeit oder Schulunterricht erarbeiten; indem sie neue Bibellesemethoden, z.B. für Bibelkreise in christlichen Basisgemeinden, entwickeln oder biblische Seminare und Workshops anbieten; durch soziale Projekte in der Bildungs- und Gemeindearbeit ebenso wie durch Zeitschriften, Radio- oder Fernsehprogramme und vieles mehr. Die KBF ist gleichsam ein lebendiges Netz, das Menschen aller Regionen, Kulturen und Völker miteinander verbindet.
3. Die Instruktion "Die Interpretation der Bibel in der Kirche" und weitere Dokumente
Dei Verbum sollte für viele Jahre die wichtigste offizielle Verlautbarung des kirchlichen Lehramtes zur Bedeutung der Bibel und ihrer Interpretation in der Kirche bleiben. Doch auch in den Folgejahren erschien eine Reihe weiterer Dokumente und Verlautbarungen, die sich dieser Thematik widmeten.
An erster Stelle ist dabei die Instruktion der Päpstlichen Bibelkommission "Die Interpretation der Bibel in der Kirche zu nennen, die aus Anlass der 100- bzw. 50-Jahrfeier der beiden "biblischen" Enzykliken Providentissimus Deus (Leo XIII.) und Divino afflante Spiritu (Pius XII.) 1993 veröffentlicht wurde. Das Dokument bietet zunächst einen umfassenden und instruktiven Überblick über das seit Dei Verbum weiter entwickelte und spezialisierte Methodeninstrumentarium der Bibelwissenschaften, es entwirft Perspektiven für deren Handhabung und stellt hermeneutische Grundsatzüberlegungen an. Dabei werden neben den historisch-kritischen Methoden auch neuere text- und literaturwissenschaftliche sowie humanwissenschaftliche Zugänge berücksichtigt. Besondere Erwähnung verdient in diesem Zusammenhang auch die eindeutige und scharfe Absage an jede Form von fundamentalistischer Bibellektüre. Von besonderem Interesse ist schließlich der letzte Teil des Dokuments, der sich explizit mit der Bedeutung der Schrift und ihrer Auslegung im Leben der Kirche beschäftigt.
Weitere wegweisende Veröffentlichungen des Lehramtes zur Frage der Interpretation der Bibel in der Kirche seien an dieser Stelle nur genannt: So das evangelische Schreiben Evangelii Nuntiandi von Papst Paul VI. "über die Evangelisierung in der Welt von heute" (1975) und ein weiteres Dokument der Päpstlichen Bibelkommission aus dem Jahre 2001, das sich mit der Bedeutung des Alten Testaments für Juden und für Christen beschäftigt ("Das jüdische Volk und seine Heilige Schrift in der Christlichen Bibel"). Auch diese Dokumente sind im weiteren Kontext der Rezeption von Dei Verbum zu sehen.
Unterwegs nach Kanaan ...
Dieser unvollständige, vor allem historisch angelegte Rückblick auf Entstehung und Wirkungsgeschichte von Dei Verbum zeigt, dass die Impulse dieses Dokumentes auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung lebendig sind und weiter wirken. Die Wiederentdeckung des Wortes Gottes, die schon vor dem Konzil begonnen hatte, kam durch das Zweite Vatikanum vollends zum Tragen. In der Folgezeit wurde Dei Verbum zum fruchtbaren Boden für viele positive Entwicklungen. Die Hoffnung des Konzils, der "Schatz der Offenbarung, der Kirche anvertraut, erfülle mehr und mehr die Herzen der Menschen" (DV 26) nahm und nimmt auf den verschiedensten Gebieten Realität an.
Trotz all dieser positiven Entwicklungen und Errungenschaften während der vergangenen vierzig Jahre bleiben jedoch weiterhin offene Fragen und zeigten sich neue Herausforderungen (und Möglichkeiten), von denen die Konzilsväter nichts ahnen konnten.
Unsere Welt von heute steht vor vielerlei Herausforderungen und Problemen. Es sind nicht nur globale Herausforderungen wie das Problem des Fundamentalismus, zu beobachtende Kirchen- und Glaubenskrisen oder Schwierigkeiten im interreligiösen oder interkulturellen Dialog, die hier zu nennen wären; auch im engeren kirchlichen Bereich ließen sich solche und andere Aufgaben und Fragestellungen nennen.
Als Gottes Wort, mit ihren Lebens- und Glaubensgeschichten kann die Bibel einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diesen Herausforderungen zu begegnen. Wenn sie zu jeder Zeit und von jeder Generation immer wieder neu als Zeugnis der Beziehung Gottes mit seinem Volk entdeckt und interpretiert wird; wenn ihre befreiende Botschaft freigelegt und auf die aktuelle Lebenssituation übertragen wird; wenn der Mensch die vielfältigen Facetten seines eigenen Lebens in den Texten und Lebensgeschichten der "alten" biblischen Bücher wiederfindet - dann entfaltet die Schrift ihr menschen- und weltveränderndes Potential. Dann wird sichtbar und erfahrbar, dass sie gleichermaßen geschichtliches Dokument der Vergangenheit wie Glaubenszeugnis für die Gegenwart ist, dass beide Aspekte nicht in Widerspruch oder Wettstreit stehen, sondern untrennbar zusammengehören.
Eine solche Haltung hat Auswirkungen auf das bibelpastorale Handeln ebenso wie auf die exegetische Arbeit und das Verhältnis beider zueinander. Die Frage, wie der gegenseitige Austausch und das Zusammenspiel zwischen akademisch-wissenschaftlicher Exegese und praktischer bibelpastoraler Arbeit intensiviert werden kann, bleibt weiterhin eine Herausforderung. Mehr denn je sind Wege (und Personen) vonnöten, die in der Lage sind, Brücken zu bauen, damit wissenschaftliches Bibelstudium und bibelpastorale Praxis nicht als voneinander getrennte Zugänge zur Schrift, sondern als die zwei zusammengehörigen Flügel ein und derselben Türe betrachtet werden. Jener Türe, die "weit offen" steht und den Zugang zur Schrift ermöglicht.
Offenbarungen wollen erarbeitet werden - was die "normale" Rezeptionsdauer Ökumenischer Konzilien in der katholischen Kirche betrifft, so erscheinen die nunmehr 40 Jahre, die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seit Dei Verbum vergangen sind, als eine relativ kurze Zeit. Diesbezüglich müsste man eher in Jahrhunderten als in Jahrzehnten rechnen. Mit anderen Worten: Heute, 40 Jahre danach, befinden wir uns immer noch in der Phase der Umsetzung und Rezeption dieses wichtigen Dokuments, keineswegs aber an deren Ende. Vieles wurde erreicht, zugleich aber bleibt noch viel zu tun. Und neue Herausforderungen sind in dieser Zeit hinzugekommen. Das Gipfelerlebnis des Konzils ist ein Ereignis der Geschichte, die Rückkehr in die kirchliche Realität unsere Gegenwart. Die Reise nach Kanaan aber geht weiter ...
Quelle: Katholische Bibelföderation, Bulletin Dei Verbum Nr. 72/73 (2004), S. 4-10
(red)
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