James M. Robinson, Claremont/USA
Der wahre Jesus?
Der historische Jesus im Spruchevangelium Q
Kurzfassung: Der Vf. berichtet über das "International Q Project",
die Wiederherstellung einer Sammlung von etwa 200 Jesus zugeschriebenen Worten
durch ein internationales Gelehrtenkollegium. Diese Sammlung war für Jahrhunderte
verloren, wurde aber - eingebettet in Mt und Lk - wiederentdeckt. In ihrer ältesten
Schicht präsentiert diese Sammlung die denkwürdigsten Dinge Jesu. Der
wirkliche Jesus, nicht nur der Chistus der Glaubensbekenntnisse, kann so tatsächlich
gehört werden. Worum es ihm wirklich ging, wird damit deutlich.
Jesus vertraute Gott, ein Lebensstil, der an Raben und Feldblumen beispielhaft erläutert wird; diese gedeihen, ohne sich um ihr Fortkommen zu kümmern - das überlassen sie einfach Gott. Jesus vertraute Gott, wie man einem liebevollen Elternteil vertrauen kann, für seine Bedürfnisse zu sorgen. Er forderte andere dazu auf, dieses Vertrauen und diesen Lebensstil mit ihm zu teilen.
Jesus und die Seinen gingen von Tür zu Tür, sie trugen keinerlei Vorräte mit sich, kein Geld, keine Umhängetasche. Ihre Wechselkleidung wäre die Ursache für das Frieren eines Obdachlosen, ihre Lebensmittel-Vorräte würden einen Bettler hungrig zurücklassen, Geld in ihrer Tasche würde einen anderen bettelarm machen. Jesus aß, was immer die Leute ihm gaben, und zum Tausch gab er ihnen, was er als Wunderheiler und Geisterbeschwörer anbieten konnte. Er sagte, daß mit Gottes Hilfe die Macht des Bösen in der Gesellschaft gebrochen werden würde. Das war sein Glaube. Und so ging er daran, danach zu handeln und eine Gemeinde aufzubauen, die auf diese Art lebte.
Er muß realisiert haben, daß er mit einer so schutzlosen, idealistischen, revolutionären Bewegung sein Leben riskierte. Das hielt ihn nicht davor zurück, und, allzu verständlich, überstand er das nicht lange. Aber sein Lebensstil lebte fort, seine Worte wurden weiterhin gehört und gesprochen und befolgt. Seine unmittelbaren Anhänger wurden zu der Gemeinde, die die Bergpredigt hervorbrachte, die zu jener Massenbewegung wurde, der sich schließlich der Römische Kaiser beugen mußte, die sich Franz von Assisi, Tolstoi, Ghandi und Martin Luther King in ihrer Welt als eine Lebens-Option wählten. Das ist es auch, was die Kirche heute sein soll.
Abstract: This presentation builds on the work of an international team of scholars reconstructing word for word a collection of some 200 sayings ascribed to Jesus, lost for centuries but rediscovered imbedded in the canonical Gospels of Matthew and Luke. Once it is freed of the "improvements" they made, it presents, in its oldest layer, the most memorable things Jesus had to say. The real Jesus, not just the Christ of the creeds, can really be heard. One can talk about what he was really trying to do:
Jesus trusted in God, a life style exemplified by ravens and wild flowers, which flourish without looking out for their own preservation, leaving that up to God to do for them. Jesus prayed God to rule, to provide every day something to eat. He trusted God as one can trust a loving parent to care for one's needs. He exhorted people to share that trust and life style with him.
Jesus and his people went from door to door, carrying no provisions, money, backpack. For his change of clothes would deprive some homeless person of warmth, his food supplies would leave some beggar hungry, money in his pocket would keep someone else dirt poor. He ate whatever people put before him, and in exchange gave them whatever he as a faith healer and exorcist could provide. He said that with God's help the power of evil would be broken in society. That was his faith. And so he went about doing it, and building a community that lived that way.
He must have realized that he was risking his life with such a defenseless, idealistic, revolutionary movement. This did not stop him, and, sure enough, he did not last long. But his life style did, his sayings continued to be heard and spoken and followed. His immediate followers ultimately became the community that produced the Sermon on the Mount, which became the mass movement that the Roman emperor finally had to yield to, which Francis of Assisi, Tolstoy, Ghandi and Martin Luther King each implemented in their world as a live option. This is what the church is supposed to be today.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 1-14
Hermann Harrauer, Wien
Wie finden Papyri den Weg nach Wien - und haben sie uns etwas zu sagen?
Kurzfassung: Die Wiener Papyrussammlung ist die größte der Welt und hat wesentlich mit den Anfängen der Papyrologie zu tun. Die mehr als 180.000 Objekte sind nicht nur Zeugnisse der antiken Literatur und der Bibel, sondern auch des öffentlichen und privaten Lebens im Ägypten der Ptolemäer und Römer. Einzelne Papyri aus den unterschiedlichen Bereichen werden kurz vorgestellt.
Abstract: The Erzherzog Rainer Papyrus Collection in Vienna is the largest papyrus collection in the world, and it is closely connected with the beginnings of papyrology. More than 180000 objects give us a direct insight in ancient literature and the Bible, and also in official and private life of Egypt under the Ptolemies and Romans. The author presents distinct papyri of various scopes.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 15-19
Peter Arzt, Salzburg
Ägyptische Papyri und das Neue Testament
Zur Frage der Vergleichbarkeit von Texten
Kurzfassung: Während Funde dokumentarischer Papyri lange Zeit auf Ägypten beschränkt waren, sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche außerägyptische Fundorte dazugekommen. Einzelne Dokumente aus Ägypten stammten ursprünglich aus Kleinasien oder Italien. Aus dem Vergleich ergibt sich: Gepflogenheiten in Sprache, Schrift, Formeln etc. haben ägyptische Papyri mit außerägyptischen gemeinsam, regionale Einzelheiten sind überall vorhanden. An Beispielen wird gezeigt, daß unvollständig erhaltene außerägyptische Papyri durch den Vergleich mit Dokumenten aus Ägypten sinnvoll rekonstruiert werden können (P.Masada 741; P.Dura 66Q).
Abstract: In the early years of papyrology finds of documentary papyri were limited to Egypt, in the last decades papyri were also discovered at numerous places elsewhere. Some individual documents found in Egypt originate from Asia Minor or Italy. A comparison between these documents show clearly: general habits in language, writing, formulae etc. are common in papyri from Egypt and from outside Egypt, regional details are distinctive and found everywhere. Sometimes, fragmentary papyri that have been found elsewhere can be reconstructed by comparing them with documents from Egypt (e.g. P.Masada 741; P.Dura 66Q).
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 21-29
Michael Ernst, Salzburg
"... verkaufte alles, was er besaß, und kaufte die Perle" (Mt 13,46)
Der emporos im Neuen Testament und in dokumentarischen Papyri
Kurzfassung: Zum Verständnis der Bildhälfte des kleinen Gleichnisses aus Mt 13,45f ist davon auszugehen, daß jede/r HörerIn/LeserIn dieser Zeit sowohl den bekannten hohen Wert der Perlen als auch die großen Geldbeträge bei den Geschäften eines Emporos sofort assoziierte. Dieser zentrale Punkt der Gleichnisinterpretation läßt sich durch zeitgenössische Texte - dokumentarische Papyri und literarische Texte - gut illustrieren.
Abstract: To understand the historical realities of the small parable Mt 13:45-46 we can suppose, that any listener/reader of that time had in mind both the well-known high value of pearls as well as the large sums of money at the business affairs of an emporos. This central point of the parable's interpretation can vividly be illustrated through contemporary texts, documentary papyri and literary texts as well.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 31-46
Daniel Kosch, Zürich
Das Gesetz der Freiheit
Zum Toraverständnis von Jesus und Matthäus
Kurzfassung: Vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse über das Toraleben in frühjüdischer Zeit erweist sich das Reden von der "Gesetzeskritik" Jesu als historisch und theologisch unhaltbar. Allerdings ist in seinem unableitbaren Anspruch, der entscheidende Bote der Köngisherrschaft Gottes zu sein, eine Neuorientierung angelegt, die sich im nonkonformistischen Lebensstil und in der Ethik der Jesusbewegung auswirkt. Unter stark veränderten Umständen betont Matthäus die Weitergeltung der von Jesus mit Vollmacht ausgelegten Tora und stellt das Liebesgebot in die Mitte seines christologischen Toraverständnisses. Im Interesse einer Praxis im Dienst des Reiches der Himmel und seiner Gerechtigkeit versucht er, zueinander in Spannung stehende Traditionen und Tendenzen in seiner Gemeinde auszugleichen.
Abstract: New insights about the torah-life in early Judaism make it historically and theologically impossible to speak about Jesus' criticism of the law. But his claim to be the decisive messenger of the kingdom of God implies a new orientation which becomes visible in the non-conformistic lifestyle and in the ethics of the Jesus-movement. Under very different circumstances, Matthew emphazises the further validity of the torah authentically interpreted by Jesus, and focusses its christological understandig of the torah on the love-command. Interested in an active service of the kingdom of heavens and its righteousness, he tries to balance different traditions and tendencies in his community.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 47-71
Andreas Vonach, Innsbruck
Die sogenannte "Kanon- oder Ptahotepformel"
Anmerkungen zu Tradition und Kontext einer markanten Wendung
Kurzfassung: Die Exegese von Koh 3,14 hat immer wieder zu Spekulationen über Herkunft und Entwicklung der Wendung "nichts hinzufügen - nichts wegnehmen" geführt. Darüber, daß die Anfänge dieser Wendung im Alten Orient zu suchen sind, besteht weitgehende Einigkeit. Diskussionen sind in jüngster Zeit allerdings darüber entstanden, ob dabei direkte Abhängigkeiten einzelner Texte voneinander festgemacht werden können, ob eine lineare Entwicklungslinie dieser Formel auzumachen ist, oder ob man die Vorkommen der Formel in einige klar umrissene Anwendungsbereiche einteilen kann. Eine genauere Betrachtung der Vorkommen zeigt jedoch, daß jedes einzelne zunächst vom jeweiligen eigenen Kontext her beurteilt werden muß, und erst in einem zweiten Schritt Nuancenvergleiche mit anderen Vorkommen angestellt werden können.
Abstract: The interpretation of Ecc 3:14 has always lead to speculations about the origin and development of the phrase "nothing to add - nothing to take away". There is general agreement that the beginnings of this phrase are to be found in the Ancient Near East. In recent years, however, controversy has arisen as to whether individual texts depend on each other, whether there is a linear sequence of using the phrase or whether the use of the phrase is restricted to some limited areas. A thorough investigation of the texts shows that every single appearance has to be seen in ist very context. Only then the different nuances of the texts can be examined.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 73-80
Edgar Kellenberger, Liestal/Schweiz
Der geplagte Mose
Plädoyer für ein nicht-moralisierendes Verständnis von von anaw und prays
Kurzfassung: Auch die heutige Exegese folgt zuweilen den spiritualisierenden und moralisierenden Tendenzen der alten Auslegungsgeschichte. Am Beispiel von anaw in Num 12,3 soll gezeigt werden, dass die nüchterne Übersetzung geplagt sowohl philologisch als auch exegetisch mehr überzeugt als das moralisierende Verständnis (demütig o.ä.), das fast ausschliesslich die christliche wie die jüdische Auslegungsgeschichte prägt. Dasselbe Übersetzungsproblem gilt auch für Mt 5,5 und 21,5 (prays), wo Ps 37,11 und Sach 9,9 zitiert werden.
Abstract: Modern exegetics follow sometimes the spiritualizing and moralizing tendences of old exegetical traditions. But for anaw in Num 12,3 the translation oppressed is philologically and exegetically more convincing than a moralizing understanding (humble, meek) which influenced almost totally the jewish and christian exegeses of two millenniums. The same problem is demonstrated for Mt 5,5 and 21,5 (prays) and their sources Ps 37,11 and Sach 9,9.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 81-86
Franz Böhmisch, Linz
Die Textformen des Sirachbuches und ihre Zielgruppen
Kurzfassung: Die Textformen des Sirachbuches zeigen in Varianten untereinander und vielen Zusätzen eine Ausrichtung auf unterschiedliche Zielgruppen. Zunächst werden die Adressaten des Ben Sira in den Blick genommen. Die Zielgruppe des griechischen Übersetzers wird aus dessen Prolog und einigen markanten Übersetzungsbeispielen erarbeitet und die erweiterten Textformen (gr., syr., lat.) und das hebr. Manuskript B nach solchen Signalen befragt. Die Vielfalt der Textformen führt zur Forderung einer pluralistischen Kanontheologie, die sich in der Aufgabe synoptischer moderner Übersetzungen konkretisiert.
Abstract: The text forms of the Wisdom of Ben Sira show different orientation towards social groups which can be explored through variants and many additions. After a look on the adressees of Ben Sira this paper is searching for the groups adressed by the greek translator, the expanded text forms (Greek, Syriac, Latin), and the Hebrew manuscript B. The pluriformity of the text forms leads to the postulation of a "pluralistische Kanontheologie" which can be realised only by synoptic translations in modern languages.
Stemma der Textformen des Sirachbuches
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 87-122
Oskar Dangl, Salzburg
Vom Traum zum Trauma
Apokalyptische Literatur im aktuellen Kontext
Kurzfassung: Der Beitrag möchte Nähe und Ferne apokalyptischen Denkens (unter besonderer Berücksichtigung von Dan 7) zur postmodernen Problemstellung im allgemeinen und zur literaturwissenschaftlichen im besonderen herausarbeiten. Während biblische Texte, wohl unter Voraussetzung der Existenz und des Wirkens Gottes, den Traum von der Zukunft durch Ende träumen, leidet die (post-)moderne Welt am Trauma des Endes ohne Ende.
Abstract: in Vorbereitung
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 123-132
Markus Öhler, Wien
Homosexualität und neutestamentliche Ethik
Kurzfassung: Paulus übernimmt sein negatives Urteil über Homosexualität aus dem Judentum, will aber anhand dieses Beispieles in Röm 1 die Grundsünde des Menschen aufdecken, die Vertauschung von Schöpfer und Geschöpf. Aufgrund einer neuen Sicht der Homosexualität kann diese nicht mehr als Exempel herangezogen werden, das paulinische Anliegen selbst bleibt freilich weiter bedeutsam. Im Umgang der Kirche mit Homosexualität kann das Modell, das Paulus in 1Kor 8 zur Lösung von Konflikten vorstellt, für die heutige Situation wichtige Wegweisung sein.
Abstract: Paul gets his refusal of homosexuality from his jewish heritage. In Rom 1 he takes it as an example of the basic sin of humanity, exchangement of creator and creation. On the basis of our new insights we cannot hold on to this example, but his concern remains important. Concerning the way how to deal with homosxuality in the church the model that Paul presents in 1.Cor 8 for the solution of conflicts can provide a useful direction.
Protokolle zur Bibel 6 (1997) 133-147
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