Die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung sollen beide mit „gleicher Liebe und Achtung angenommen und verehrt“ werden – sie bezeugen Gottes Offenbarung. Bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde die Offenbarung vor allem als Information von Seiten Gottes verstanden. Demgegenüber versteht das Zweite Vatikanische Konzil die Offenbarung, gestützt auf die Heilige Schrift, als ein Offenbarungsgeschehen.
Das heißt:
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die einzigartige Bedeutung der Schrift deutlich herausgearbeitet. Damit entspricht es nicht nur den Anliegen der Bibelbewegung, die es bereits vor dem Konzil in der Kirche gegeben hat, sondern auch dem Anliegen der Ökumene: Die Heilige Schrift wird ja von allen Christen als die gemeinsame Grundlage anerkannt. Ihre Bedeutung spiegelt sich auch im Aufbau der Offenbarungskonstitution, die der Heiligen Schrift insgesamt vier Kapitel widmet.
Man kann die Bibel natürlich auch wie andere literarische Werke analysieren und beschreiben – damit wird man aber nicht der Tatsache gerecht, dass sie Gottes Wort in Menschenwort ist.
Im Unterschied zu einer rein literarischen Betrachtungsweise geht eine theologische betrachtungsweise von der Glaubensüberzeugung aus, dass die Heilige Schrift auf einzigartige
Weise das Wort Gottes bezeugt, ja – wie die Offenbarungskonstitution sagt – Gottes Wort „ist“.
Sie ist also das Wort Gottes, das im Glauben der ersten Zeugen und der Glaubensgemeinschaft
der Kirche angenommen und von inspirierten Verfassern zur Sprache gebracht worden ist. So ist sie die erste und einzigartige Quelle des christlichen Glaubens.
Glaubensaussagen zur Bibel
Da – wie es das Konzil formuliert hat – „Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach
Menschenart gesprochen hat“ (DV 12), ist die Bibel ein besonderes Buch, die – wie wir sagen – Heilige Schrift. In diesem Sinn werden durch die Offenbarungskonstitution die wesentlichen Glaubensaussagen über die Heilige Schrift in Erinnerung gerufen, die bereits früher formuliert worden sind:
Der Kanon der Heiligen Schrift umfasst die 45 Bücher des Alten und die 27 Bücher des Neuen Testamentes – der Text der Konstitution verweist in der Fußnote auf das Erste Vatikanische Konzil (1869/1870), das seinerseits auf das Konzil von Trient (1545–1563) verweist, das wiederum mit dem Konzil von Florenz (1439–1443) übereinstimmt.
Inspiration der Heiligen Schrift bedeutet:
Die Heilige Schrift ist als ganze unter Einwirkung des Heiligen Geistes verfasst worden.
Das Konzil weist jede Einschränkung der Inspiration auf bestimmte Teile oder einzelne Aussagen der Heiligen Schrift zurück. Andererseits vertritt das Konzil nicht die Auffassung, dass Gott den biblischen Schriftstellern den Text diktiert hat, wohl aber, dass Gott durch das Wirken des Heiligen Geistes die Verlässlichkeit des Textes sichergestellt hat, den die menschlichen Verfasser formuliert haben.
Diese Verlässlichkeit der Heiligen Schrift wurde durch die Jahrhunderte immer als Irrtumslosigkeit der Heiligen Schrift gelehrt. Wie ist das zu verstehen? Dieser Frage hat sich auch das Konzil gestellt, denn es war den Konzilsvätern natürlich klar, dass es in der Heiligen Schrift historische und naturwissenschaftliche Irrtümer gibt.
Aber in der Heiligen Schrift geht es nicht um historische oder naturwissenschaftliche Informationen, sondern es geht um das Heil, das heißt es geht darum, dass Menschen sich im Glauben auf Gott einlassen, mit ihm in Beziehung kommen und mit ihm in Gemeinschaft leben. Das will Gott durch die Offenbarung und das Wort Gottes erreichen. Deshalb stellt die Offenbarungskonstitution fest, dass die Bücher der Heiligen Schrift „sicher, getreu und ohne Irrtum die Wahrheit lehren, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen Schriften aufgezeichnet haben wollte“.
Darauf kommt es beim Lesen der Heiligen Schrift an: dass Menschen entdecken, wer Gott ist und dass er uns anspricht – zu unserem Heil.
Eine vom Konzil aus theologischen Gründen anerkannte Methode besteht darin, historischkritisch
die Aussageabsicht der Verfasser der biblischen Schriften zu erforschen. Dabei mussman auf die literarischen Gattungen achten, auf die Situation, in der ein Text entstanden ist, aber auch auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen. So muss man – wie das Konzil sagt – „sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigen und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte“ (DV 12).
Dabei geht es um eine Antwort auf die Frage: „Was wollten die Verfasser damals ihren Lesern sagen?“ In einem zweiten, ebenso unverzichtbaren Schritt geht es um die Antwort auf die Frage „Was will Gott uns heute durch diesen Text sagen?“ Die Christen lesen die Heilige Schrift ja nicht in erster Linie als Historiker, sondern als gläubige Menschen, die das Wort Gottes verstehen wollen. Und nur diese Perspektive entspricht der Bibel als einem Buch, das im Glauben und für den Glauben verfasst worden ist.
Die Unterschiede, die bei der Beantwortung dieser Fragen sichtbar geworden sind, machen deutlich, dass dabei verschiedene weltanschauliche und religiöse Denkvoraussetzungen ins Spiel kommen. Die Frage, wie die Heilige Schrift im Glauben richtig verstanden wird, kann nur beantwortet werden, wenn man darauf achtet, wie nicht nur Einzelne die Heilige Schrift auslegen, sondern wie sie durch die Glaubensgemeinschaft der Kirche durch die Jahrhunderte verstanden worden ist. Deshalb fordert das Konzil für die Auslegung der Heiligen Schrift, „dass man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens“. (DV 12) Was heißt das?
Stichwort „Einheit“: Auf Grund ihres Glaubens gehen die Christen davon aus, dass hinter der
Heiligen Schrift mit ihrer Vielzahl von Verfassern, Traditionen, literarischen Formen usw. im Letzten ein einziger Autor steht: der eine Gott des Alten und Neuen Testamentes, der sich menschlicher Verfasser bedient.
Stichwort „Analogie des Glaubens“: Weil die Heilige Schrift auf den einen Gott als Autor zurückgeht, deshalb kann und muss die Heilige Schrift so als Einheit gelesen werden, dass die einzelnen Aussagen im Licht der anderen Aussagen ausgelegt und verstanden werden. So muss z. B. die Aussage vom Gericht Gottes im Licht der Aussage über die Liebe Gottes gelesen werden – und umgekehrt.
Stichwort „Überlieferung“: Im Glauben gehen die Christen davon aus, dass auch die Auslegung der Heiligen Schrift nicht ohne den Beistand des Heiligen Geistes erfolgt – wenigstens dort, wo sich die Christen und die Kirche ausdrücklich darum bemühen. So gilt auch die Überlieferung als eine wichtige Richtschnur für das Verständnis der Heiligen Schrift – z. B. feierliche Entscheidungen der Konzilien und des Papstes, der Konsens der Kirchenväter oder der Theologen, aber auch der Konsens der Glaubenden durch die Jahrhunderte.
Die Auslegung der Heiligen Schrift erfolgt also im Licht des Glaubens der Kirche. Die Kirche erweist sich also nach katholischem Verständnis als unverzichtbar, wenn erkannt werden soll, welche Bücher zur Heiligen Schrift gehören (Kanon) und wie sie in rechter Weise auszulegen ist. Aber andererseits steht die Kirche unter dem Maßstab des Wortes Gottes. Deshalb sagt das Konzil auch, dass die Kirche und ihr Lehramt nicht über, sondern unter dem Wort Gottes stehen und ihm dienen müssen (DV 10).
Um sich des Wortes Gottes zu vergewissern, ist die Kirche aber in besonderer Weise auf das Ursprungszeugnis der Heiligen Schrift angewiesen. Das im Glauben der Urkirche bezeugte
Wort Gottes, das von der Heiligen Schrift (dem „Ursprungs-Zeugnis“) dokumentiert wird, ist für
alle späteren Phasen der Kirchen- und Glaubensgeschichte maßgeblich. Beides gilt: Die Kirche muss am Wort Gottes Maß nehmen, und das Wort Gottes finden wir im bzw. durch den Glauben der Kirche.
Das ist und bleibt ein spannender Weg, und so strebt die Kirche – wie das Konzil sagt – „der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen“. (DV 8)
„Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offenbaren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1,9): dass die Menschen durch Christus, das Fleisch gewordene Wort, im Heiligen Geist Zugang zum Vater haben und teilhaftig werden der göttlichen Natur.“
„Gott, der durch das Wort alles erschafft und erhält, gibt den Menschen jederzeit in den
geschaffenen Dingen Zeugnis von sich.“
„Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt (5): es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr
sich Gottes Worte erfüllen.“
„Es zeigt sich also, dass die Heilige Überlieferung, die Heilige Schrift und das Lehramt der
Kirche gemäß dem weisen Ratschluss Gottes so miteinander verknüpft und einander zugesellt sind, dass keines ohne die anderen besteht.“
Das von Gott Geoffenbarte, das in der Heiligen Schrift enthalten ist und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden; denn auf Grund apostolischen Glaubens gelten unserer heiligen Mutter, der Kirche, die Bücher des Alten wie des Neuen Testamentes in ihrer Ganzheit mit allen ihren Teilen als heilig und kanonisch, weil sie, unter der Einwirkung des Heiligen Geistes geschrieben (vgl. Joh 20,31; 2 Tim 3,16; 2 Petr 1,19–21; 3,15-16), Gott zum Urheber haben und als solche der Kirche übergeben sind. Zur Abfassung der heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu
dienen sollten, all das und nur das, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben
haben wollte, als echte Verfasser schriftlich zu überliefern.
Da die Heilige Schrift in dem Geist gelesen und ausgelegt werden muss, in dem sie geschrieben wurde, erfordert die rechte Ermittlung des Sinnes der heiligen Texte, dass man mit nicht geringerer Sorgfalt auf den Inhalt und die Einheit der ganzen Schrift achtet, unter Berücksichtigung der lebendigen Überlieferung der Gesamtkirche und der Analogie des Glaubens. Aufgabe der Exegeten ist es, nach diesen Regeln auf eine tiefere Erfassung und Auslegung des Sinnes der Heiligen Schrift hinzuarbeiten, damit so gleichsam auf Grund wissenschaftlicher Vorarbeit das Urteil der Kirche reift.
(red)