Protokolle
zur Bibel

Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft der AssistentInnen an bibelwissenschaftlichen Instituten in Österreich


Jahrgang 14 (2005)


Josef M. Oesch, Innsbruck

Kodikologisches zu den Sifre Tora

Zwei unveröffentlichte Torarollenfragmente aus Innsbruck

Kurzfassung: Im Zusammenhang mit der intensiven kodikologischen Erforschung der mittelalterlichen hebräischen Bibelhandschriften, die auch die Sifre Tora miteinschließt, werden hier zwei bisher unpublizierte Torarollenfragmente mit ihren kodikologischen Daten präsentiert und diskutiert. Damit soll auch die Frage nach einem Kriterienkatalog für die Orts- und Zeitbestimmung von Torarollen weitergeführt werden. An das Vorkommen einer „Pisqa be’emsac Pasuq“ in Dtn 2,8b auf dem Lederblatt schließt sich eine Diskussion dieses masoretischen Phänomens aus der Perspektive der unpunktierten Textüberlieferung an.

Abstract: Two sheets of different Sifre Tora, one in leather, one in parchment, are published for the first time. A short introduction in the methods of the preparation of skins gives an insight in the process of leather and skin production. Then codicological aspects of Sifre Tora are discussed in connection with the presentation of the dates of the two sheets. The occurrence of the Pisqa be’emsac Pasuq in Dtn 2:8b gives rise to a discussion of this masoretic problem.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 3-16.


Franz Böhmisch, Passau

Die Blattvertauschung (Lage 12 und 13) im griechischen Sirachbuch

Kurzfassung: Die Vertauschung zweier Lagen von jeweils genau 160 Stichen in Sir 30–36 im Hyparchetyp des griechischen Sirachbuches lässt vermuten, dass alle Lagen dieser Handschrift exakt 160 Stichen fassten, wobei jedoch 1767 gesicherte GI-Stichen in Sir 1–30 der Göttinger Ausgabe in 11 Lagen mit 1760 Stichen Platz gefunden haben müssten. Dies wird mit den stichischen Anomalien der Sirachhandschriften (Codex Sinaiticus   a, Vaticanus B, 929) erklärt, da in diesen Handschriften mehrere Distichen (Sir 1,1ab; 1,2ab; 1,3ab; 2,18ab.cd; 9,2ab; 10,11ab; 13,8ab; 23,19bc) als ein Stichos geschrieben sind. Die lateinische Übersetzung aus einer griechischen Vorlage, die von dieser Vertauschung nicht betroffen ist und von einem anderen Hyparchetyp herstammt, bewahrt indirekt einige richtige Lesarten des Sirach-Enkels gegen die einhellige griechische Überlieferung (Sir 1,3 u.ö.).

Abstract: The permutation of two quires of 160 lines (stichoi) in Sir 30–36 in the hyparchetyp of the Greek Sirach makes us assume that all quires of this manuscript consisted of ex­actly 160 lines. This however implicates that the first 1767 secured lines of Greek I of the Goettingen Greek Sirach edition must have been written in this greek manuscript in 11 quires with together 1760 lines. The solution might be found in the stichic anomalies of the greek manuscripts of Sirach (cf. Sinaiticus a, Vaticanus B, 929), in which some double lines (distichoi) (Sir 1:1a–b; 1:2a–b; 1:3a–b; 2:18a–b.c–d; 9:2a–b; 10:11a–b; 13:8a–b; 23:19b–c) are written as one line. The Latin translation from a Greek Vorlage, which is not affected by this permutation and originates from another hyparchetyp, retains indirectly some original passages of the greek text of the grandchild against the mainstream of the greek Sirach tradition (cf. Sir 1:3).

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 17-22.


Wolfgang Wiesmüller, Innsbruck

Paul Celans Gedicht „Psalm“ und der jüdische Gottesname JHWH

Kurzfassung: Die zahlreichen Interpretationen zu Celans "Psalm" zeigen bisweilen die Tendenz, den blasphemischen Gestus des Gedichts zu relativieren. Dem gegenüber soll die Radikalität hervorgehoben werden, mit der Celan die Tradition des jüdischen Gottesbildes in Frage stellt. Die Applikation des alttestamentarischen Gottesnamens JHWH auf das lyrischen Wir des "Psalm"-Gedichts ist im Lichte seiner Büchner-Preis-Rede das "Gegenwort", das er angesichts der Leere der Transzendenz formuliert – eine Erfahrung, die biographisch und historisch durch die Shoa bedingt ist. Im Kontext der Gebetslyrik nach 1945 zeigt Celan mit seinem "Psalm" nicht nur Möglichkeiten auf, wie man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben kann, sondern er wird auch einer Theologie des Gebets nach Auschwitz gerecht, die für eine "Hermeneutik des Bruches" (Th. Dienberg) plädiert.

Abstract: The numerous interpretations of Celan’s poem „Psalm“ tend to relativise the blasphemic gestus of the text. In contrast to such tendencies Celan questions the Jewish image of God. His radicality is to be emphasised. Considering Celan’s speech given on the occasion of the Büchner Preis, the application of YHWH, the Hebrew name of God, to the lyrical speaker appears as the „Gegenwort“. The „Gegenwort“ is expressed when facing the emptiness of transcendence. An experience which is caused by the Shoa both biographically and historically. When regarding the context of the lyric prayers written after 1945 Celan either shows possibilities how to write poems after Auschwitz. And furthermore, he even serves justice to a theology of prayer after Auschwitz, which is pleading for a „Hermeneutik des Bruchs“ (Th. Dienberg).

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 23-34.


Christoph Niemand, Linz

Das Geheimnis der Gottesherrschaft und die Verhärtung der Herzen

Markus 4,11–12 und Jesaja 6,9–10

Kurzfassung: Der Beitrag versucht, Mk 4,11–12 im Kontext des vorösterlichen Wirkens Jesu zu lesen. Beobachtungen zu expliziten syntaktischen und implizitien kommunikativen Strukturen in Jes 6,9–10 und Mk 4,12 tragen zu diesem Vorhaben bei.

Abstract: This essay tries to read Mc 4:11–12 in the context of Jesus’ own ministry. Attention to explicit syntactical and implicit communicative structures in Isa 6:9–10 and Mc 4,12 contribute to this aim.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 35-47.


Werner Urbanz, Linz

Das Ende der Klagelieder

Notizen zu Klgl 5

Kurzfassung: Der Beitrag versucht eine knappe Skizze zu Fragestellungen der Einordnung von Klgl 5 in das Gesamt des Buches und besonders zu Deutungen des Endabschnittes in V. 19–22. Dabei werden eigene Modelle mit jenen der Forschungsgeschichte in Dialog gebracht. Ein Übersetzungsvorschlag für V. 22 deutet die End-Schwingung des Textes – entgegen häufigen Frage- oder Aufforderungsformulierungen – in einer Aussage, welche die Schwere des Zürnens Gottes belässt.

Abstract: The article attempts to sketch the questions of arrangement of the fifth chapter of Lamentations, paying special attention to the interpretation of the final section (v. 19–22). The author’s own models of interpretation are thereby brought into dialogue with the history of research. Contrary to the frequent translation of v. 22 as question or request, the author interprets this final verse as a statement: God’s wrath is a fact.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 49-60.


Johannes Schiller, Graz

„Für die Toten wirst du ein Wunder tun?“

Randbemerkungen zur Interpretation von Ps 88,11–13

Kurzfassung: Ps 88,11–13 wird zumeist als eine Folge rhetorischer Fragen verstanden. Ein genauer Blick auf die (poetische und syntaktische) Struktur dieser Verse zeigt jedoch deren (positive) Bedeutung sowohl für die Aussage des gesamten Psalms als auch für dessen Gottesbilder.

Abstract: Most exegetes regard Ps 88:11–13 as rhetorical questions. If we challenge this consensus and take a closer look on the (poetic and syntactic) structure of these verses, we find new aspects of their important role for the message of the psalm as a whole and its images of God.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 61-66.


Susanne Gillmayr-Bucher, Aachen

Glücklich, wer gebahnte Wege im Herzen hat

Raumbilder in den Psalmen

Kurzfassung: Räume und Raumvorstellungen der Psalmen beschreiben nicht nur Orte, sie dienen der Orientierung, strukturieren und ordnen Erfahrungen. Dabei dienen vor allem neue und gewagte Raumbilder dazu, einen Aspekt der Wirklichkeit herauszuheben und durch das Ungewöhnliche diesen in ein neues Licht zu stellen. Dieser Beitrag versucht, die Fülle der Raumbilder in den Psalmen zu ordnen und auf dem Hintergrund von typischen Raumvorstellungen Beispiele kreativer Neuschöpfungen im metaphorischen Raum zu beschreiben.

Abstract: The imagination of space in the Psalms does not only describe places but rather it is used for an orientation that structures experience. With the help of new and sometimes even daring metaphorical language facets of reality are shown from a different perspective. This article summarizes the images of space in the Psalms and describes some particular and exceptional metaphors on the background of the more common images.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 67-79.


Marianne Grohmann, Wien

Feministische/Gender-faire Exegese

Geschichte – Hermeneutik – Themen

Kurzfassung: Dieser Beitrag gibt einen Überblick über Grundlagen der Geschichte, Hermeneutik und Themen feministischer bzw. gender-fairer Exegese. Feministische Exegese hat sich zu einem Teil in Richtung Genderforschung entwickelt. Sie ist vielfältig und differenziert geworden. Ihre Methoden bewegen sich in einem weiten Spektrum zwischen historisch-kritischen und neueren literaturwissenschaftlichen Zugängen.

Abstract: This paper gives an introduction to basics of history, hermeneutics and themes of feminist/gender-fair exegesis. Feminist exegesis has partly developed to gender-studies. It has diversified to manifold directions between historical criticism and literary criticism.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 81-92.


Simone Paganini, Wien

Feministische Exegese in der Aussenperspektive

Anmerkungen zum Dokument der Päpstlichen Bibelkommission und zum „Tübinger Gutachten“

Kurzfassung: Das Dokument der Päpstlichen Bibelkommission und das evangelische „Tübinger Gutachten“ präsentieren die Position der jeweiligen Kirche zur Feministischen Theologie. Das katholische Dokument gilt als autoritativ und steht der Feministischen Theologie positiv gegenüber. Das evangelische Dokument dagegen ist sehr ablehnend: Es werden lediglich die negativen Seiten der Feministischen Exegese betont, die feministische Theologie wird als Ganze als unbrauchbar eingestuft. Dieses Dokument spiegelt jedoch nur die Meinung jener beiden Tübinger Professoren wieder, die es verfasst haben.

Abstract: The document of the Pontifical Biblical Commission and the „Tübinger Gutachten“ of the German protestant church would like to present the position of the respective Churches about the feminist theology. The renowned catholic document describes the feminist exegesis as a positive element within the biblical sciences. The protestant document on the other hand is very unconstructive: only the negative sides of the feminist exegesis are emphasized, it is described as useless. It reflects, however, only the opinion of the editors i.e. two professors from the University of Tübingen.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 93-101.


Andrea Taschl-Erber, Wien

„Ich habe den Herrn gesehen“ (Joh 20,18)

Ein geschlechtsspezifisches Apostolatskriterium?

Kurzfassung: Nach Joh 20,18 verkündet Maria von Magdala, vom Auferstandenen gesandt, als Erste das österliche Kerygma. Ihr Bekenntnis e`w,raka to.n ku,rion (vgl. Joh 20,25; 1Kor 9,1) stellt eine urkirchliche Kurzformel für die Ostererfahrung dar, die eine besondere Autorität begründet, vergleichbar der verwandten passivischen Formulierung w;fqh mit dem Dativ (vgl. insbesondere Lk 24,34; 1Kor 15,5–8). Wenn sich Paulus in 1Kor 9,1 mit derselben Formel auf die Erscheinung des Auferstandenen beruft, um damit seine Autorität als Apostel zu legitimieren, gilt dieses durch die Christophanie begründete Apostolat auch für Maria von Magdala, so dass man sie nach den pln Kriterien sogar als die erste Apostolin bezeichnen könnte – wohingegen sie nach der lk Konzeption aufgrund ihres Geschlechts ausscheidet. Allerdings beeinflusste das lk Apostolatsverständnis wesentlich die spätere Sicht, in der Frauen als Apostolinnen aus dem Blick gerieten.

Abstract: According to John 20:18 Mary Magdalene is the first who is commissioned by Jesus to proclaim the Easter kerygma. Her testimony e`w,raka to.n ku,rion (cf. John 20:25; 1Cor 9:1) represents an early church formula for resurrection witnesses which constitutes a special authority, similarly to the passive formulation w;fqh with the dative (cf. Luke 24:34; 1Cor 15:5–8). When Paul in 1Cor 9:1 legitimates his own apostolic authority with the same wording, the so established apostolic status applies to Mary Magdalene too. Therefore, according to the Pauline criteria she even can be called the first apostle. This contrasts with the Lucan concept of apostleship where she is excluded from apostolicity just because of her gender. But as the Lucan definition fundamentally influenced the later view, female apostles got out of sight in history.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 103-131.


Anneliese Felber, Graz

Königinnen unter missionarischem Erfolgszwang

Salvabitur vir infidelis – eine frühmittelalterliche Aktualisierung von 1Kor 7,14a

Kurzfassung: 1Kor 7,14a in der Form von salvare (statt sanctificatus) scheint ab dem 6. Jh. der bevorzugte Text zu sein, weil damit inhaltlich Konkretes, nämlich das Seelenheil, ausgesagt wird; zudem ist die Variante im Futur bestens geeignet, christliche Königinnen zur Bekehrung ihres Gatten anzuspornen, um so das ganze Volk für den Katholizismus zu gewinnen.

Abstract: From the sixth century on a form of salvare (instead of sanctificare) seems to be the preferred text of 1Cor 7:14a, that implies a concrete meaning, i.e. the salvation of the soul. In addition to this the future tense is very appropriate to spur Christian Queens on converting their husbands to Christianity in order to gain the hole people for Catholicism.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 133-139.


Annett Giercke, Aachen

Zwischen Verheissung und Realität

Inkrafttreten und Einschränkung der Kultgesetzgebung in Dtn 12

Kurzfassung: Die Bestimmungen hinsichtlich des Geltungszeitpunktes der Opferzentralisierungsgesetze (V. 8–10) und die Einschränkung der generellen Schlachterlaubnis (V. 20.21) suggerieren eine Realisierung der Gesetze bereits innerhalb der Königszeit. Gleichzeitig verweisen sie auf eine neue Heilszeit nach dem Exil. Es wird eine Spannung aufgebaut, die sich zwischen einer bereits erfolgten Realisierung und einer noch ausstehenden, aber dennoch mit Sicherheit wiederkehrenden Verwirklichung der Zentralisierungsidee bewegt.

Abstract: The regulations considering the moment of validity of the sacrifice centralisation laws (Dtn 12:8–10) and the restriction of the general slaughter permission (Dtn 12:20f.) suggest a realization of the laws already within the time of the Kings. At the same time they refer to a new time of salvation after the Exile. There is a tension between the realization that has taken place already and such one that will definitely happen in the future.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 141-148.


Martin Hasitschka, Innsbruck

Offenbarung des Johannes und Archäologie

Kurzfassung: Die jungen Christengemeinden in Westkleinasien mussten sich, wie die Sendschreiben der Offenbarung des Johannes erkennen lassen, sowohl mit dem kulturellen und religiösen Pluralismus der heidnischen Umwelt als auch mit dem Diasporajudentum auseinandersetzen. An den Beispielen von Ephesus, Pergamon und Sardes wird gezeigt, wie archäologische Forschung besonders dazu hilft, die religiösen Kulte, zu denen auch der Herrscherkult zählt, zu veranschaulichen, die für eine Christen eine Herausforderung bedeuteten.

Abstract: The letters to the seven churches in the book of Revelation indicate that the Christians in Western Asia Minor at the end of the first century were confronted in different ways both with the cultural and religious pluralism of the pagan environment and with Diaspora-Judaism. Ephesus, Pergamon and Sardes are taken as examples to show how archaeological research helps to illustrate the different religious cults and especially the emperor worship by which the Christians were challenged.

Protokolle zur Bibel 14 (2005) 149-158.

 

 

 


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Letzte Änderung: 06.03.2006