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Was die Bibel lehrt
„In den paulinischen Schriften ist eine geradezu gegensätzliche Entwicklung kirchlicher Strukturen zu den auch in Wien angedachten festzustellen. “

Von Roland Schwarz

Die meisten katholischen Pfarren leiden am Sinken der Zahl der in ihrem Gebiet wohnenden Gläubigen; die Einnahmen aus dem Kirchenbeitrag nehmen ebenfalls ab; die Erhaltung der kirchlichen Gebäude kann immer weniger garantiert
werden; die Anzahl der ordinierten Amtsträger ist zu gering dafür, dass jede Pfarre einen eigenen Priester hat. Um alle diese Probleme in den Griff zu bekommen, setzen Bischöfe vermehrt darauf, einzelne Gemeinden zwar in Großpfarren zu integrieren, aber als Gemeinden bestehen und auch von nicht ordinierten Frauen und Männern leiten zu lassen. Diese bleiben einem zuständigen Pfarrer verantwortlich, der aber nicht in diesen Gemeinden mitlebt.

Vor einigen Tagen wurde im Stadtdekanat Wien 10 (Favoriten) seitens der Diözesanleitung ein konkreter Projektauftrag erteilt, mit dem Ziel, innerhalb eineinhalb Jahren die Pfarrstruktur neu zu ordnen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die Zahl der Priester bis 2018 um 10 Prozent verringern und die Anzahl derer, die ganz in der Pfarrseelsorge tätig sind, sogar um 20 Prozent zurückgehen wird.

In paulinischen Gemeinden
Hier sei der Versuch unternommen, diese strukturellen Maßnahmen im Hinblick auf die personellen Veränderungen mit Vorgängen in den frühen christlichen Gemeinden der Bibel zu vergleichen. Um keinem Biblizismus zu erliegen, muss festgehalten werden, dass es nicht darum geht, biblische Modelle als unveränderbare Vorgaben für heute anzupreisen. Doch es
lässt sich zeigen, dass in den paulinischen Schriften eine geradezu gegensätzliche  Entwicklung kirchlicher Strukturen zu den eingangs erwähnten festzustellen ist. In den ersten Gemeinden des Paulus hat es in etwa diese heute wieder angestrebte Struktur gegeben:
Der Apostel beziehungsweise seine unmittelbaren Mitarbeiter waren die meiste Zeit von einzelnen Gemeinden abwesend. Während es beispielsweise in Korinth jede Menge Konflikte gab, befand sich der Völkerapostel in Ephesus (1 Kor 16,8). Er musste durch reisende Christen erfahren, wie es in der korinthischen Gemeinde zuging (1 Kor 1,11). Dabei gab es durchaus schon in den Anfängen des Christentums Leitungsdienste in den Gemeinden (1 Kor 12,28; 1 Thess 5,12). Doch diese waren eher koordinierende Tätigkeiten. Die  Vorsteher hatten offensichtlich weder die Vollmacht noch die Autorität, die anstehenden Probleme im Sinne des Apostels verbindlich zu klären. Deshalb war Paulus gezwungen,
entweder selbst die Gemeinde zu besuchen oder einen zuverlässigen Schüler – beispielsweise Timotheus – zu schicken, um die Ordnung wiederherzustellen (1 Kor 4,17;
16,10). Das ist im Prinzip genau das, was auch durch die heutige Strukturreform   wiederbelebt wird – die eigentlichen Verantwortungsträger sind vielfach nicht am Ort.

In den spät- bzw. nachpaulinischen Gemeinden gab es wesentliche Veränderungen: Man
hat gespürt, dass die Kirche bevollmächtigte Verkündiger am Ort braucht (Apg 14,23 setzt solche in jeder Gemeinde voraus). Der Apostel bzw. eher seine Schüler haben deshalb autoritative Verkündiger durch Handauflegung eingesetzt (1 Tim 5,22).

Spätere Entwicklungen
Diese sollten die Gemeinden nicht nur organisatorisch leiten, sie hatten auch die Autorität, bindende Weisungen zu erteilen. Damit sollten Missstände und gravierende Fehlinterpretationen des Glaubens unterbunden und die Einheit mit der Gesamtkirche gewahrt werden. Man bezeichnete diese Verantwortlichen als Presbyter bzw. als Episkopen. Diese Ämter werden in den Texten des Zweiten Vatikanums als Urformen heutiger
kirchlicher Dienste gesehen. Die Amtsträger hatten Autorität, konnten aber rechtlich verbürgt auch von Gemeindemitgliedern verklagt werden, wenn sie ihre Vollmachten
missbrauchten (1 Tim 5,19f). Es gab also innerkirchliche Korrekturmechanismen. Von der Lebensform her waren sie verheiratet – die Fähigkeit, eine Familie zu leiten, war geradezu eine Voraussetzung für die Ausübung ihres Dienstes (1 Tim 3,5).

Konsequenzen für heute
Folgende pastorale Fragen ergeben sich aus diesen biblischen Strukturentwicklungen für die heutige Situation: Ist die Effektivität der Ämter im Hinblick auf die authentische Verkündigung des Glaubens auch dann gegeben, wenn ein Priester für immer mehr
Gemeinden Verantwortung übernimmt, in denen er nur gelegentlich präsent ist? Droht nicht eine Überforderung der Pfarrer, wenn Gemeinden aus Tradition deren starke Präsenz erwarten, häufig Konflikte zu bereinigen sind oder sich zu wenig Engagierte finden?

Lassen sich Probleme nicht viel in den Griff bekommen, wenn der Amtsträger diese durch
das Mitleben mit den Gläubigen schon früh erkennen kann? Ist es verantwortbar, wenn das eucharistische Mahl in einer Gemeinde nicht gefeiert wird, weil ordinierte Amtsträger fehlen? In Wirklichkeit hängt es ja primär an den Zulassungsbedingungen zu den Ämtern (etwa an der geforderten Ehelosigkeit), dass der Dienst autoritativer Verkündigung
und Leitung nicht mehr in jeder Gemeinde vor Ort möglich ist. Von den paulinischen Modellen her erscheint die angestrebte Strukturveränderung hinsichtlich der Personalfrage zwar möglich, aber doch pastoral eher ein Rückschritt als sehr zukunftsweisend zu sein. Eine realistische Chance für ein gelingendes Gemeindeleben ist jedoch dann gegeben, wenn sich möglichst viele nicht Ordinierte so sehr bewähren, dass sie de facto Dienste von Ordinierten erfüllen, etwa durch eine theologisch sachgerechte und zugleich ansprechende  Verkündigung. Dies wird zunehmend von Ehrenamtlichen wahrgenommen werden müssen, da auch die Zahl der für die Pastoral Angestellten zurückgehen wird. Da im Neuen Testament eigenständige Gemeinden auch eigene Gottesdienste gefeiert haben (vgl. Apg 2,46), ist es sinnvoll, dass sich Gemeinden ohne Priester am Ort sonntags zur Wort-Gottes-Feier versammeln, obwohl dies angesichts der fehlenden Eucharistiefeier eine Notlösung darstellt.

Hier wird die Kompetenz der mit der Leitung beauftragten so genannten „Laien“ mitentscheiden, ob diese Gottesdienste einen geeigneten Rahmen für die Gottesbegegnung und die Gemeindeerfahrung abgeben werden.


Der Autor ist Pfarrer am Schöpfwerk in Wien 12 und leitet das Referat Bibelpastoral im Pastoralamt der Erzdiözese Wien

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Quelle: Die Furche, 26. Jänner 2012

(red)


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